Stephen Kings „Der dunkle Turm“ – eine Rezension

Der dunkle Turm“ – so heißt eine sieben Bände umfassende Romanreihe von Stephen King. Sie bietet nicht den klassischen Horror, den man von ihm kennt. Im Buchhandel wird sie als Fantasy-Werk angepriesen. Der Anmutung nach kann der Leser auch einen Western erwarten. Was ist von dieser Reihe, die Stephen King selbst als sein Hauptwerk ansieht, zu erwarten?

Stephen King = Horror am laufenden Band? Der amerikanische Autor ist vor allem mit seinen Horrorromanen wie „Carrie“, „Shining“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ berühmt geworden. Aber er hat auch andere Bücher geschrieben, die nichts Übernatürliches an sich haben, „The Green Mile“ zum Beispiel. Und er hat Fantasy geschrieben – oder wenigstens wurde er von Fantasy inspiriert, genauer gesagt von Tolkiens „Herr der Ringe“, als er mit seiner Reihe „Der dunkle Turm“ begann. Das schreibt er im Vorwort des ersten Bandes, und er schreibt auch, dass ihn zugleich ein Spaghetti-Western zum Umfeld inspirierte.

So beginnt der erste Teil seines Fantasy-Opus, das insgesamt sieben Bände umfasst, wie ein klassischer Western: Ein Mann (die Hauptfigur der Reihe: Roland von Gilead, Revolvermann) reitet bei der Verfolgung eines zwielichtigen Unbekannten durch die Wüste. Der Verfolgte ist immer ein paar Schritte voraus und meist trifft der Revolvermann nur das verloschene Feuer an.

Ich hatte große Lust auf einen solchen Western, nachdem ich Anfang des Jahres gerade ein paar Fantasy-Schinken verschlungen hatte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde und wie ein Fantasybuch aussehen könnte, das in einem Westernumfeld spielt, als ich mich der Dunklen-Turm-Reihe zuwandte. Ich wusste nur, dass Stephen King manchmal etwas mühsam zu lesen sein kann, unglaublich langatmig und manchmal auch furchtbar unlogisch. Zugleich ist King ein Meister der Spannung, wenns darauf ankommt, den Leser dann doch bei der Stange zu halten, und so sagte ich „Ja“ zu sieben Bänden mit einigen tausend Seiten.

Band 1 – „Schwarz“ – entwickelte sich zunächst ganz wie erwartet. Schönste Western-Atmosphäre, wie sie auch Sergio Leone nicht besser hinbekommen hätte; eine klassische Kopfgeldjäger-Geschichte, und man konnte Clint Eastwood schon förmlich vor sich sehen, wie er durch die heiße Wüste zieht, immer den Halunken im Blick.

Das Fantastische, das eine Fantasy-Geschichte ja ausmacht, hält sich zunächst stark im Hintergrund. Das Übersinnliche, das einem ab und zu begegnet, könnte eher einer von Kings subtileren Horror-Storys enstammen. Die Frage: „Wo bleiben denn jetzt die Elfen und Zwerge?“, drängt sich jedoch nicht auf. Im übrigen später auch an keiner anderen Stelle der sieben Bücher, obwohl die Geschichte in ihrem Verlauf mit seltsamen Wesen geradezu vollgestopft ist.

Der erste Band ist unterhaltsam, durchaus, aber vielversprechend wird er erst ganz am Schluss, wenn der Leser mit einem Mal ahnt: Da gibt’s noch andere Welten in dieser Buchreihe, und die wollen entdeckt werden!

Vom Hocker gehauen also hat mich dieser Auftaktband (übrigens der kürzeste der Reihe) nicht, den Stephen King schon in recht frühen Jahren seines Schaffens schrieb. Trotzdem ist es ihm gelungen, mich anzufixen: Wie geht es denn nun weiter? Was hat es mit diesen seltsamen Ereignissen und Andeutungen am Schluss des Romans auf sich? Was wird er sich nun wohl einfallen lassen, um der Fantasy-Geschichte den richtigen Dreh zu geben? Ich beschloss also, weiterzulesen.

Hat es sich gelohnt? Ist „Der dunkle Turm“ wirklich das Opus Magnum, als das Stephen King selbst die Reihe sieht? Jein.

Die schlechte Nachricht für alle, die bis hierher gelesen haben in der Erwartung einer Rezension über eine spannende Western-Reihe: Das Western-Thema wird in den folgenden Bänden kaum noch aufgegriffen. Hier und dort blitzt es mal auf, aber die 12-Uhr-mittags-Atmosphäre kommt der Reihe ab Band zwei nahezu völlig abhanden. Einzige Ausnahme stellt der fünfte Band „Wolfsmond“ dar. Stattdessen spielt King mit anderen Genres. Elemente von Thriller, historischem Roman, Endzeit-Geschichte und Science Fiction sind in den folgenden Bänden zu finden und meistens gut gemixt.

Die einzelnen Bände lassen sich meiner Meinung nach ganz klar einteilen: entweder in verdammt gut oder ziemlich schlecht. Leider finde ich gerade die letzten beiden Bände „Susannah“ und „Der Turm“ ziemlich misslungen, über weite Strecken langatmig, unlogisch und zum Teil hanebüchen. Was der Reihe meines Erachtens nach wirklich schadet, ist die Tatsache, dass King die letzten beiden Bände (auch) nutzt, um seinen Autounfall Ende der 90er Jahre zu verarbeiten und tatsächlich selbst in dem Buch auftaucht.

Immerhin: Das Ende hat mich dann wieder versöhnt, weil ich es wirklich ausgesprochen originell (und für die Reihe auch folgerichtig) finde. Verrraten werde ich den Ausgang an dieser Stelle natürlich nicht.

Mir haben am besten die mittleren Bände „Glas“ und „Wolfsmond“ gefallen, wobei ich den vierten Band „Glas“ mit Abstand am meisten genossen habe. Hier gelingt es Stephen King wunderbar, in die Rahmengeschichte der Reise von Roland von Gilead und seinen Gefährten (auf die er im zweiten Band trifft) eine wunderbare Abenteuer- und Liebesgeschichte aus der lange zurückliegenden Vergangenheit Rolands einzubetten. Dabei hat er es tatsächlich geschafft, mich vollkommen aus der eigentlichen Hauptgeschichte herauszureißen, der ich mich dann am Ende des Buches fast widerwillig wieder zugewandt habe. Wer sich die ganze Reihe sparen möchte, sollte zumindest diese Geschichte in der Geschichte lesen!

Fazit: „Der dunkle Turm“ lohnt auf jeden Fall, alleine schon wegen der oben angeführten mittleren Bände. Band 2 (Drei) und Band 3 (Tot) sind ebefalls durchaus spannend und dazu noch ziemlich abgefahren.

Zum Schluss hin wird es aber wirklich mühsam. Ich habe mehrere Monate gebraucht, um den siebten Band zu lesen. Er ist zu allem Überfluss auch noch der längste.

Wer gewohnte Fantasy erwartet, sollte sich nicht zu viel versprechen, auch Westernfans kommen kaum auf ihre Kosten. Wer jedoch echte King’sche Spannung erwartet, ist – trotz aller Schwächen, die die Reihe hat – an der richtigen Stelle.